Achillea millefolium

Achillea millefolium. Die Schafgarbe
Aus der Reihe: Arzneipflanzen in innerstädtischen Trittpflanzengesellschaften

Die glorreichen alten Kämpfe

Königin der Wege. Die Schafgarbe

Der erste Vers der Ilias, des Schriftstückes Homers über den trojanischen Krieg, verspricht gleich jede Menge Action: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus“. Zwischen den Griechen und den Trojanern tobt ein fürchterlicher Kampf, Götter, Halbgötter, Helden und jede Menge gemeines Fußvolk prügeln sich am kleinasiatischen Festland. Mittendrin der beinahe unsterbliche Held Achilleus. Er ist der wohl charismatischste, vielschichtigste der Raufbrüder: Eher friedliebend und bisweilen unwillig zu kämpfen und dann doch unnachgiebig, blutrünstig im Gemetzel. Manchmal zutiefst beleidigt und betrübt und dann rasend vor Wut und Rachegelüsten. Dann zieht er alleine los, alleine gegen eine Unzahl von Gegner. Wütend. Unverwundbar, aber nur beinahe, so stirbt der mächtigste griechische Krieger an einem Pfeilschuss in seine Ferse, seinen einzigen wunden Punkt, die Achillesferse. Als seine Mutter ihn nämlich in das unverwundbar machende Wasser eines heiligen Flusses taucht, hält sie ihn an dieser schicksalshaften Ferse fest.

Der Weise Chiron brachte vielen griechischen Helden Fähigkeiten bei, die sich nützlich auf dem Schlachtfeld erwiesen. Bei ihm lernte Achill Bogenschießen als auch Kräuterkunde. Wichtig für einen Haudegen des klassischen Altertums war die Kenntnis der richtigen Wundversorgung, der Antisepsis und der Blutstillung, denn die spitzen und stumpfen Verletzungen der Hieb- und Wurfwaffen waren beträchtlich. Die dem Namen nach an den antiken Helden erinnernde Schafgarbe, Achillea millefolium, erfüllt diese Eigenschaften: Sie wirkt blutsillend, desinfizierend, antiseptisch, antiödematös und sorgt für raschen Wundverschluss, indem sie die Wundrändern zusammen zieht und die Wunde austrocknet. Bis heute gilt sie als eines der stärksten Wundheilkräuter und pflanzlichen Blutungsmittel. In diesem Sinne findet sie z.B. Anwendung bei postoperativer Narbenbehandlung und starker Menstrualblutung.

Die alltäglich neuen Kämpfe. Der Kampf mit dem Krampf

Feld mit Schafgarbe im Lobetal bei Berlin

Auch in der modernen Zeit finden sich jede Menge Helden und Meister des Alltags. In unseren alltäglichen Gefechten auf der Arbeit, in der Familie, mit uns selber, im sozialen Gefüge, ziehen wir uns selten sichtbare Wunden zu. Relativ häufig schlägt sich die Anforderungen und Überforderungen des täglichen Lebens auf Organe und Organsysteme, die es gewohnt sind, in Ruhezeiten zu arbeiten und unter Stress leiden. Finden Ruhezeiten nicht mehr ausreichend statt, beginnt es da und dort ziehen. Der Magen z.B. ist ein sehr Gemütlicher. Die Kräfte, mit denen er umzugehen hat (extrem saurer Mageninhalt) nötigen ihn, cool und entspannt zu bleiben. Und das ist in der ganzen Hektik der Großstadt nun wirklich nicht immer leicht. Manchmal hat er die Schnauze voll.  Voll vom schnellen, ungesunden Essen, vom ganzen Zucker und dem vielen Alkohol, von immer nur Schrippe, Schrippe, Schrippe. Er schlägt zurück. Magenkrämpfe, Magenentzündung, Magenulcus, Übelkeit, Sodbrennen. Für all diese Indikationen wird die Schafgarbe eingesetzt. Ferner findet sie Anwendungen bei Krämpfen ganz anderer Art: Gallenkoliken, Mensschmerzen, Migräne, Asthma.

Wirkung und Indikationsgebiete der Schafgarbe

Gesichert gelten für Auszüge aus Achillea millefolium neben der blutungsstillenden, entzündungshemmenden und antibakteriellen Wirkung auch die antifungale (1), anxiolytische (2), vasoprotektive (3), bronchiodilatative und hypotensive (4), antiulzerative (5), östrogene (6), hepatoprotektive und antispasmodische (7) Wirkung der Schafgarbe. Hieraus ergeben sich eine sehr breite Möglichkeit der Anwendung und therapeutischen Indikation in der modernen Phytotherapie, wie z.B.: Asthma, Leberleiden, Bluthochdruck, prämenstruellen Syndrom, Hämorrhoiden, Blasenentzündung, Morbus Raynaud, als Adjuvans in der biologischen Krebstherapie. Aufgrund ihrer Anwendungsbreite zählt sie zu den phytotherapeutischen Polychresten, zu den Pflanzen also, die wörtlich übersetzt, zu vielem nützlich sind.

Verwendete Literatur und weiterführende Links
(1) Falconieri et al Antifungale Wirkung des ätherischen Öls von Achillea millefoilium (englisch)
(2) Baretta IP et al Anxiolytische Wirkung von Achillea millefolium (englisch)
(3) Dall’Acqua S et al Vasoprotektive Wirkung von Achillea millefolium (englisch)
(4) Khan AU et al Bronchiodilatative und hypotensive Wirkung von Achillea millefolium (englisch)
(5) Potrich FB et al Antiulzerative Wirkung von Achillea millefolium (englisch)
(6) Innocenti G et al Östrogene Wirkung von Achillea millefolium (englisch)
(7) Yaeesh S et al Hepatoprotektive und antispasmodische Wirkung von Achillea millefolium (englisch)
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Rothmaler W. (2000) Exkursionsflora von Deutschland. Spektrum akademischer Verlag
Hänsel, Sticher: Pharmakognosie, Phytopharmazie. 7. Auflage
Wittig R. (2002): Siedlungsvegetation. Ulmer
Gerhard Madaus (1979): Lehrbuch der biologischen Heilmittel.
Boericke W. (2007) Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre. Narayana Verlag
HagerROM (2006). Springer Medizin Verlag Heidelberg
Weiss R. F. (1960) Lehrbuch der Phytotherapie. Hippokrates- Verlag